Nur die Cleveresten

„Nennen wir sie Sabine. Sabine ist zu allem bereit, wenn sie dafür in Zürich eine 3-Zimmer-Wohnung bekommt. Mit Haut und Haaren. Doch davon später mehr“

Längst hat es sich in der Schweiz herumgesprochen: In Zürich herrscht Wohnungsmangel. Bei der letzten Erhebung zählten die Statistiker 143 freie Wohnungen. Das sind 0,08 Prozent der insgesamt 187 686 Bleiben. Es geht zu wie Ende der Achtzigerjahre, als die Leerwohnungsquote zwischen 0,03 und 0,07 Prozent pendelte. «Damals gab es wenigstens noch Hausbesetzer, aber selbst denen fehlen heute die Objekte», witzelte die «Süddeutsche Zeitung».

Heute gibt es in der City kaum mehr eine 3-Zimmer-Wohnung für unter 2000 Franken. 586 Zuschriften landeten im Winter 1989 auf der Redaktion eines Zürcher Stadtmagazins, nachdem ein fingiertes Wohnungsinserat aufgegeben worden war. Einige der Interessenten schienen schon damals zu allem bereit. Ein Herr etwa sagte zu, eine gehbehinderte Frau einmal pro Tag im Rollstuhl spazieren zu führen, wenn er dafür bei ihr wohnen dürfe.

Bisweilen versuchen Bewerber ihr Glück mit Süssem oder Trinkgeldern

Der Wohnungsmarkt spielt wie ein Biorhythmus: Nach dem Mangel Ende der Achtziger- und dem zwischenzeitlichen Hoch der Neunzigerjahre ist er wieder im Tief. «Wir erleben immer wieder Kurioses und Nettes», sagt der Liegenschaftsverwalter Christian Scotoni. Da würden schon mal lebensgeprägte Lebensläufe eingeschickt oder bei den Referenzadressen auch noch jene der Cousine angegeben. «Ein Interessent für ein Luxusobjekt hat uns einmal ein selbst gemaltes Bild des gewünschten Hauses dazugelegt.»

Von Bestechungsversuchen will Scotoni indes nichts wissen, obwohl er zugibt, dass ihm Menschen, die sich bei einer Bewerbung etwas Spezielles einfallen lassen, länger im Gedächtnis bleiben. «Das ist menschlich und kann die Entscheidung bringen, wenn wir für ein Objekt noch fünf valable Interessenten haben.» Der malende Interessent bekam übrigens das gewünschte Objekt.

Keine besonderen Anstrengungen unternehmen die Bewerber bei der städtischen Liegenschaftsverwaltung. «Meist werden für die Bewerbung nüchterne Gründe wie Arbeitsplatzwechsel oder Nachwuchs angegeben», sagt Bereichsleiter Hans Graf. Lockversuche mit einem Trinkgeld kämen ab und an vor, so Wohnungsvermittlerin Ina Aberli-Adampoulos von Mata-Dienst. «Und nach erfolgreicher Suche erhalten wir schon mal Süssigkeiten zugeschickt.»

Das Lustigste, was sie je erlebt hat: «Ein Student schickte dem Vermieter eine Bierbüchse und ein Stück Brot. Er schrieb dazu: ‹Setzen Sie sich doch erst auf einen Stuhl und geniessen Sie.› Er hat die Wohnung bekommen.»

Ein telefonischer Vermittler kassiert bis zu 10 Franken pro Minute

Möblierte Appartements sind in Wohnungsnöten offensichtlich besonders leicht loszuwerden. Der Plunder wird oft unbesehen übernommen, wenn man dafür nur endlich ein Dach über dem Kopf hat. Vorsicht ist bei telefonischen Wohnungsvermittlern angesagt. Laut «Tages-Anzeiger» prüft der Mieterverband Zürich derzeit eine Zivilklage gegen die Firma Millennium Smile GmbH, die mit 0900-Nummern bis zu 10 Franken pro Minute kassiert. Immerhin: Besserung scheint in Sicht, behauptet die «Süddeutsche Zeitung».

Für das Blatt ist die Ursache der Wohnungsmisere, dass «die Welt den Zürichsee entdeckt hat, den Alpenblick und die gute Schokolade». Auch die PC-Firma Compaq habe ihren europäischen Hauptsitz überraschend in Zürich eingerichtet. Doch jetzt sei Compaq ja verkauft, und so werde auch der Boom bald abklingen. Besonders flexibel im Kampf um freie Wohnungen zeigen sich Frauen. Eine Sekundarlehrerin hätte sogar den Kindern des Eigentümers gratis Nachhilfeunterricht gegeben. Täglich notabene.

So wären wir wieder bei Sabine. Die junge Callgirl, das für eine Wohnung an diskreter Lage in Zürich für alles willig ist. Damit der künftige Vermieter gleich weiss, mit wem er es zu tun hat, präsentiert sie sich im «Schweizerischen Sex-Anzeiger» (SAZ), wie Gott sie schuf. Die im Artikel beschriebenen Erfahrungen geben Einblick in den Zürcher Immobilienmarkt und stehen exemplarisch für die Tätigkeit von Christian Scotoni im Bereich Immobilien und Liegenschaftsverwaltung.

Nur die Cleveresten (SZ) / 27.01.2002