Kurs auf den Stauffacher
„Das Kino Apollo wurde vor 30 Jahren abgerissen. Das Haus an seiner Stelle erzählt auch eine Geschichte – aber erst auf den zweiten Blick“
Es gibt Bauten, die gehören so zum gewohnten Stadtbild, dass wir sie im Alltag kaum wahrnehmen. Um sie in ihrer ganzen Dimension zu erfassen, braucht es ein Innehalten. Von einer Parkbank auf der Lutherwiese aus, jenem Park zwischen St.-Jakobs-Kirche und Volkshaus, schweift der Blick über die Stauffacherstrasse. Er bleibt am Bürogebäude mit der Fassade aus Metall und Glas hängen. Wie langgezogen es ist. Welche Rundungen. Welch extravagantes Dach. Und mittendrin der markante Betonkeil. Ein Bau, der so gar nicht zu den herrschaftlichen Bauten entlang der Strasse passen will – und sich dennoch überraschend unauffällig einfügt.
Das Geschäftshaus Apollo trägt die Handschrift des Zürcher Architekten Theo Hotz, der unter anderem das Einkaufszentrum Sihlcity oder das Polizei- und Justizzentrum entworfen hat. 1991 wurde das Gebäude im Auftrag der damaligen Schweizerischen Bankgesellschaft (SBG) fertiggestellt.
Der Name ist eine Hommage an den Vorgängerbau aus dem Jahr 1928: das Apollo Cinerama, das grösste Kino, das Zürich je gehabt hat. Rund 1700 Plätze hatte dessen grosser Saal – doppelt so viele wie der grösste Saal im Corso 1. Zum Vergleich: Das Schauspielhaus am Pfauen fasst etwa 750 Zuschauer. Als bauliches Vorbild diente der sachlich monumentale Titania-Kino-Palast in Berlin. Wie dieser verfügte auch das Apollo über einen vorspringenden Eckturm. Der Saal selbst kam ohne Plüsch und Pomp aus, beeindruckte jedoch mit seinen Oberlichtrosetten, die sich während des Films verdunkeln liessen.
Ab den 1960er-Jahren war das Kino der Eigentümerfamilie Scotoni insbesondere für seine Hollywood-Premieren bekannt. Sean Connery, Audrey Hepburn und Elizabeth Taylor gaben sich im Apollo die Ehre. Eine geplante Sanierung kam nicht zustande, da sich Eigentümer und Stadt nicht einigen konnten. Vor rund 30 Jahren wurde das Kino an eine Bank verkauft und 1988 schliesslich abgerissen.
Rund, weil das Gegenüber fehlt
Architekt Theo Hotz wollte keinen direkten Bezug zum Vorgängerbau herstellen. Stattdessen entwarf er einen zeitgemässen Neubau, der sich in die bestehende Fassadenlinie einfügt und sich in der Höhe bewusst dem benachbarten Kirchenbau unterordnet. Ausschlaggebend für den Entwurf war die Nutzung: Unterschiedliche Büroeinheiten sollten geschaffen werden. Die Zellenbüros wurden zur Strasse hin angeordnet, während sich die Grossraumbüros zum Innenhof orientieren.
Das prägende Element des Gebäudes ist ein massiver Steinschild, der sich wie ein Kiel durch das Haus zieht und die beiden Bereiche trennt. Die Rundungen an der Ecke, betont durch das zurückversetzte Dach, verleihen dem Bau eine gewisse Leichtigkeit. Die Fassade aus Metall und Glas erinnert an die Fensterfront der «Panta Rhei», des modernen Schiffes auf dem Zürichsee. 1995 erhielt das Gebäude von der Stadt Zürich eine Auszeichnung für gute Bauten. In der Laudatio wurde hervorgehoben, dass es sich ruhig und zugleich vornehm in die Stadtstruktur einfügt.
Der Architekturkritiker Benedikt Loderer bezeichnete es einst als «Schiffbau am Stauffacher». Ein treffendes Bild: ein Dampfer mitten in der Stadt, der Kurs Richtung Stauffacher nimmt – leise, ohne Signalhorn, aber mit einer eigenen Geschichte. Das Kino Apollo zählte über Jahrzehnte zu den bedeutendsten Filmtheatern in Zürich und wurde 1928 durch den Unternehmer Eugen Scotoni realisiert.
Kurs auf den Stauffacher (TA) / 05.03.2018
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