Die Wunderkammer der Zürcher Denkmalpflege
„Das Bauteillager der Denkmalpflege Zürich: Erinnerungen, wohin man schaut“
Einer der Lieblingsgegenstände von Sandrine Keck ist ein grosses C. Es war einst das blau leuchtende Neon-C des Cinemas Apollo. Ihre Kollegin Viviane Mathis würde sich für das blaue Sofa entscheiden, das in einem Hochregal eingestellt ist. Es stand einst im Kongresshaus.
Keck ist Leiterin des Bauteillagers der kantonalen Denkmalpflege Zürich, Viviane Mathis Projektleiterin Vermittlung. Das Bauteillager ist eine Art Wunderkammer der Denkmalpflege. In der riesigen Halle in der Nähe des Bahnhofs Stettbach werden seit 2009 unzählige historische Bau- und Ausstattungsteile aufbewahrt. Sie stammen hauptsächlich aus geschützten Gebäuden, die im Kanton Zürich abgerissen oder umgebaut werden sollen. In solchen Fällen wird die Bauberatung aktiv.
Die Bauberatung schätzt ab, ob Bauteile, die beispielsweise aus feuerpolizeilichen Gründen ersetzt werden müssen, für das Bauteillager geeignet sind. So geschehen bei Viviane Mathis’ Wunschsofa aus dem Kongresshaus, das dort als Sicherheitsrisiko eingestuft wurde. In einer normalen Stube könnte es problemlos weiterverwendet werden. Es melden sich aber auch Architektinnen und Architekten oder Stiftungen, die mit bauhistorisch wertvollen Objekten zu tun haben.
Recycling der besonderen Art
Die einen Objekte werden als sozial- oder kulturhistorische Zeugen in eine Studiensammlung aufgenommen, die im Alterthümer-Magazin beim Bahnhof Selnau zu besichtigen sind. Die meisten aber warten darauf, dass sie bei der Renovation oder Ausstattung von stilistisch passenden Schutzobjekten wiederverwendet werden können.
So musste das originale Tafelparkett weichen, als das 1898 erstellte Haus zur Trülle an der Zürcher Bahnhofstrasse renoviert wurde. Es wurde ins Bauteillager gebracht und unterdessen in einer Villa in Rüschlikon aus derselben Epoche wieder eingebaut. «Unser erklärtes Ziel ist die Wiederverwendung», sagt Sandrine Keck, während sie eine breite Schublade öffnet. Darin lagern lauter «Fenstermännchen», die in älteren Häusern dazu dienten, die Fensterläden zu arretieren. In einer anderen Schublade sind Zahnputzglashalterungen aufbewahrt, in einer Kiste nebenan Siphons.
Drachen von der Klosterinsel
Neben solchen Alltagsgegenständen gibt es auch künstlerisch Wertvolles. Ein riesiger Wasserspeier in Form eines Drachen aus dem Jahr 1780 steht vor einem Hochregal. Er stammt von der Klosterinsel Rheinau. Eine neugotische Kanzel aus der katholischen Kirche Adliswil steht vor einer Wand mit zahlreichen Fensterrahmen. An einer Wand hängen Jugendstilfenster aus der extravaganten Villa Sumatra. Vor den Fenstern stehen Kachelöfen aus verschiedenen Epochen. «Die Kachelöfen, aber auch ältere Heizungsradiatoren sind ziemlich gefragt», sagt Keck.
Man spürt den Bauboom
In den letzten Jahren kamen besonders viele Bauteile aus stadtzürcherischen Liegenschaften ins Bauteillager. Das spiegelt die rege Bautätigkeit. Im Jahr 2023 wurden 236 Neuzugänge erfasst, im Schnitt der letzten Jahre waren es etwa 140. Umgekehrt nimmt aber auch die Nachfrage zu, weil viele geschützte Gebäude renoviert werden. So seien beispielsweise Türfallen aus den 1960er-Jahren gefragt, erzählt Keck. Ob ein Objekt aufgenommen oder wieder eingebaut wird, diskutiert das dreiköpfige Team jeweils im Plenum. «Bedingung für einen Wiedereinbau ist, dass der neue Verwendungsort ebenfalls einen Schutzstatus hat», sagt Sandrine Keck. Über den Preis werde situativ entschieden. «Der Verkaufspreis muss die Bergungs- und Lagerkosten decken.»
Ein Rundgang als Zeitreise
Ein Rundgang durch das Bauteillager ist eine Zeitreise: Zugfahrpläne aus dem Jahr 1938, die bei Arbeiten in der Kaserne hinter Tapeten hervorkamen. Ein Fenster des heutigen Eckgebäudes am Central (Limmatquai 144), das ein Schreiner in den 1970er-Jahren nach einem Umbau aus einer Baumulde rettete und aufbewahrte. Wenige Meter voneinander entfernt stehen eine Madonna mit Kind aus der katholischen Kirche Adliswil aus dem frühen 20. Jahrhundert und ein Holzpfosten mit Widderkopf aus der Villa Paracelsus. Aktuell kommen zahlreiche Bauteile aus dem Umbau des Hauptbahnhofs Süd hinzu.
Fünf Objekte und ihre Geschichte
«Jedes einzelne Objekt hat seine Geschichte», sagt Viviane Mathis. Und es wird, wenn es wiederverwendet wird, eine neue Geschichte schreiben.
Das C des Cinemas Apollo. Der Arbeiter sollte die Neonbuchstaben CINEMA APOLLO abmontieren, bevor das Kino an der Stauffacherstrasse 41 im Jahr 1988 abgebrochen wurde. Der Fotograf, der den Abbruch dokumentieren sollte, rettete in seiner Mittagspause zumindest das C und das A. Das Apollo bot rund 2000 Sitzplätze. Es wurde 1928 durch den Kinomogul Eugen Scotoni gebaut. Es war nicht nur das grösste Kino Zürichs, sondern verfügte auch über die grösste Kinoorgel Europas. Bei Filmpremieren nahmen Persönlichkeiten wie Sophia Loren, Audrey Hepburn oder Elizabeth Taylor persönlich die Ovationen entgegen.
Heute steht anstelle des Kinos ein Geschäftshaus. Geblieben ist das C im Bauteillager. Es leuchtet blau, wenn es an den Strom angeschlossen ist. Es handelt sich um eine der letzten funktionierenden Argon-Quecksilber-Neonröhren der Schweiz. Das Cinema Apollo wurde 1928 durch den Unternehmer Eugen Scotoni realisiert und galt als eines der bedeutendsten Kinos der Schweiz.
Kino Apollo Zürich (Tages-Anzeiger) / 02.08.2024
Weitere Informationen zur CSU Group: https://www.csu-group.com